Gudrun von der Ohe: Stillen - So klappt’s von Anfang an

Muttermilch versorgt das Baby in den ersten sechs Lebensmonaten mit allem, was es zum gesunden Gedeihen braucht. Stillen stärkt die Bindung zwischen Mutter und Kind. Es braucht keine Vorbereitung und kostet nichts. Alles spricht also dafür. Doch die natürlichste Sache der Welt ist nicht immer die einfachste. Junge Mütter brauchen deshalb fachkundige Anleitung und Unterstützung.

StillenAufmerksamesBaby NiDerLander

Gudrun von der Ohe, 47 Jahre, Ärztin aus Hamburg, ist Still- und Laktationsberaterin IBCLC (International Board Certified Lactation Consultant), Vorstandsmiglied im Berufsverband Deutscher Laktationsberaterinnen (BDL), Mitarbeiterin im Europäischen Institut für Stillen und Laktation des VELB und Gutachterin der BFHI-Initiative „Babyfreundliches Krankenhaus“. Sie arbeitet als Still- und Laktationsberaterin IBCLC in freier Praxis und in der Fortbildung von medizinischem Personal. Mehr Informationen finden Sie im Internet unter: www.stillberatung.info

Erst mal ankommen

Endlich ist das Baby da! Die Hebamme legt der Mutter das Neugeborene auf den Bauch. Hier darf es erst mal verschnaufen und sich von der Anstrengung der Geburt erholen. Das Kleine spürt Mamas Körperwärme und ihre sanft streichelnden Hände. Es nimmt ihren Geruch war und hört die vertraute Stimme. „Babys werden in der Erwartung geboren, dass sie bei der Mutter bleiben“, erklärt Gudrun von der Ohe. „Deshalb brauchen sie nach der Geburt die Zeit auf Mamas Bauch. Und sie finden, wenn man sie nicht stört, ganz allein den Weg zur Brust. Das kann bis zu einer Stunde dauern. Wenn alles gut läuft, kann mit dem Abnabeln gewartet werden, bis die Nabelschnur nicht mehr pulsiert. Das Kind bleibt auf dem Bauch der Mutter, auch für den Apgar-Test beim Neugeborenen und während der weiteren Versorgung der Mutter.“

Möglichst oft anlegen

Die Natur hat das Baby mit Reflexen ausgestattet, die es ihm nach der Geburt, auf dem Bauch der Mutter ermöglichen, Mamas Brust zu erreichen. Und alles ist bestens aufeinander abgestimmt: Die Kleinen robben nach der Ruhephase höher. Die Brustdrüse der Mutter sondert ein Sekret ab, das wie Fruchtwasser riecht. Die Brustwarze ist während der Schwangerschaft dunkler geworden, so dass sie für das Baby besser zu erkennen ist. Und bei Berührung der Wange des Babys mit Mamas Brustwarze dreht das Kleine sein Köpfchen dorthin und beginnt zu saugen – ganz allein und ohne fremde Hilfe. „Untersuchungen haben ergeben, dass Kinder, die das allein schafften, auch in den nächsten Tagen weniger Probleme mit dem Stillen haben“, sagt Gudrun von der Ohe. „Deshalb ist es so wichtig, das Baby nach der Geburt erst mal ankommen zu lassen.“

Ab dann sollte regelmäßig gestillt werden. „Babys legen in der Regel nach dem ersten Saugen an Mamas Brust eine Pause ein“, sagt die Expertin. „Sie sollten aber spätestens fünf Stunden danach erneut angelegt und dazu gegebenenfalls geweckt werden. Denn die Kleinen brauchen in den ersten Tagen acht bis zehn Stillmahlzeiten innerhalb von 24 Stunden. Umso besser verläuft der Milcheinschuss nach etwa drei Tagen. Der Milcheinschuss wird durch den Abbau der Schwangerschaftshormone eingeleitet, und es wird vermehrt Milch gebildet.“

Vorteile fürs Baby...

Muttermilch ist in ihrer Zusammensetzung genau auf die Bedürfnisse des Babys abgestimmt. Und sie passt sich im Verlauf der Stillzeit individuell an das Kind an. Die Milch in den ersten Tagen ist also eine ganz andere als nach zwei oder drei Monaten. Hinzu kommt: Das Baby bekommt die Antikörper der Mutter, die in der ersten Lebenszeit des Kindes für den so genannten Nestschutz sorgen, beim Stillen auch weiterhin mit. Die in der Muttermilch enthaltenen Bifiduskulturen helfen dem noch unreifen Darm, mit Keimen und Bakterien umzugehen. Ein weiterer Vorteil: Die Brustwarze passt sich dem Gaumen des Babys optimal an, außerdem sind die Kräfte beim Saugen an der Brust physiologisch fein abgestimmt. Stillen hilft also auch, späteren Zahn- und Kieferfehlstellungen vorzubeugen. Stillen ist aber nicht nur Nahrung für den Körper, sondern auch für die Seele. An der Brust hat das Baby engen Körperkontakt zur Mutter. Es nimmt sie mit allen Sinnen wahr, erfährt Sicherheit und Geborgenheit und damit Urvertrauen.

StillendeMamagelb deanm ... und die Mutter

Auch die Mutter profitiert vom Stillen. Es wird ihr immer vertrauter. Und mit jeder Stillerfahrung mehr gewinnt sie an Selbstvertrauen und wächst immer besser in ihre neue Rolle hinein. Weitere Vorteile des Stillens: Die Gebärmutter bildet sich schneller zurück. Das Hormon Oxytozin, es wird auch Glückshormon genannt, fördert die Beziehung zwischen Mutter und Kind. Beim Stillen sinkt das Risiko der Mutter, später einmal an Brust- oder Eierstockkrebs oder Osteoporose zu erkranken. Auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes mellitus kommen bei der Mutter später seltener vor. Und: Stillen schont die Familienkasse. Denn künstliche Babynahrung und das dafür erforderliche Zubehör schlagen in einem Jahr mit etwa 1000 Euro zu Buche.

Angebot und Nachfrage regeln sich

Die Milchbildung und das Saugen des Babys an der Brust sind optimal aufeinander abgestimmt. Wenn das Kleine mehr Milch braucht, meldet es sich häufiger, trinkt länger und leert sie Brust stärker. Ein Signal für den Körper der Mutter, mehr Milch zu bilden. Angebot und Nachfrage regeln sich also bestens. „Das Baby meldet sich selbst, wenn es Hunger hat“, sagt Gudrun von der Ohe. „Wichtig ist es, nicht abzuwarten, bis das Baby schreit, sondern es schon bei den typischen frühen Stillzeichen anzulegen, etwa Hin- und Herdrehen des Köpfchens, Stirnrunzeln, Schmatzen, Saugbewegungen, Händchen in den Mund stecken. Mütter, die auf diese Zeichen eingehen und ihr Baby nach Bedarf anlegen, staunen oft, wie gut sich beim Stillen alles von selbst regelt.“

Unterstützung durch die Stillgruppe

Stillende Mütter brauchen heute mehr Unterstützung als früher. Stillen ist kein Instinkt, sondern ein erlerntes Verhalten. Es gibt kaum Vorbilder. Die junge Generation der Mütter konnte nur selten ihrer Mutter, der Tante oder der älteren Schwester abschauen, wie Babys an der Brust trinken und satt werden. „Solche Vorbilder fehlen heute“, weiß Gudrun von der Ohe. „Deshalb ist es wichtig, dass Frauen sich schon in der Schwangerschaft Unterstützung suchen, etwa bei einer Stillgruppe. In manchen Regionen gibt es neben den Geburtsvorbereitungskursen auch Stillvorbereitungskurse.“

Babyfreundliches Krankenhaus

Die Unterstützung in der Entbindungsklinik lässt leider noch oft zu wünschen übrig. „Nur 47 (Stand Anfang Juli 2009) Geburtskliniken und –abteilungen wurden bisher in Deutschland mit dem Qualitätssiegel „Babyfreundliches Krankenhaus“ ausgezeichnet“, sagt Gudrun von der Ohe. Nur Kliniken mit dieser Auszeichnung verwirklichen die internationalen Betreuungsstandards von Weltgesundheitsorganisation WHO und UNICEF. Babyfreundliche Krankenhäuser führen eine Vielzahl von Leistungen zu einem ganzheitlichen Betreuungskonzept zusammen, das sich an den körperlichen und seelischen Bedürfnissen von Eltern und Babys orientiert. „Eltern gewinnen schon in der Klinik Sicherheit im Umgang mit ihrem Baby und lernen, seine Signale zu verstehen und feinfühlig darauf zu reagieren“, sagt Gudrun von der Ohe. Das Personal in Babyfreundlichen Krankenhäusern ist speziell geschult. Studien zeigen, dass Mütter, die in Babyfreundlichen Krankenhäusern entbunden haben, ihre Kinder länger und problemloser stillen.

Empfehlung: mindestens 6 Monate stillen

Nicht nur der Verband europäischer Laktationsberaterinnen (VELB), das Europäische Institut für Stillen und Laktation des VELB, der Berufsverband Deutscher Laktationsberaterinnen BDL, die Arbeitsgemeinschaft Freier Stillgruppen AFS, die La Leche Liga Deutschland e.V. LLLD, der Deutsche Hebammenverband DHV, das Ausbildungszentrum für Laktation und Stillen sowie die Aktionsgruppe Babynahrung AGB unterstützen die offizielle Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation, Babys sechs Monate ausschließlich zu stillen und dann anschließend, mit geeigneter Beikost, bis zum Alter von zwei Jahren und darüber hinaus weiter zu stillen. Auch die Empfehlungen der Europäischen Union zur Säuglings- und Kleinkindernährung EUNUTNET gehen dahin. Und die europäische Organisation für kindliche Gastroenterologie, Hapatologie und Ernährung – ESPGHAN (European Society for Paediatric Gastroenterology, Hepatology and Nutrition) unterstrich mit einer Veröffentlichung aus 2009 nochmals das Ziel, dass Säuglinge in Europa sechs Monate ausschließlich gestillt werden. „Diese Empfehlung wird in Deutschland nur sehr halbherzig umgesetzt“, sagt Gudrun von der Ohe. „Weniger als 20 Prozent der Säuglinge werden mit sechs Monaten noch ausschließlich gestillt. Fast die Hälfte der Säuglings sind in diesem Alter schon komplett abgestillt.“

Protest gegen „Erwachsen auf Probe“

Der Berufsverband Deutscher Laktationsberaterinnen protestiert mit einer Stellungnahme gegen die RTL Sendung „Erwachsen auf Probe“. In dieser Sendereihe sollen Jugendliche den Umgang mit Babys lernen. Man überlässt ihnen ein Baby – zuweilen auch nachts. Die Eltern schauen sich das von einem Nachbarhaus aus per Video an. „Das ist Kindesmissbrauch“, erklärt Gudrun von der Ohe. „In einer Zeit sich mehrender Schlagzeilen über Missbrauch und Vernachlässigung von Kindern als Ausdruck einer zunehmenden Bindungslosigkeit halten wir die Ausstrahlung der RTL-Sendung für absolut verantwortungslos“, heißt es im BDL-Schreiben. „Gemäß der Bindungstheorie nach Bowlby schalten Babys und Kleinkinder im Alter von 8 bis 30 Monaten auf ‚Bindungssuche’ um, wenn sie in einer fremden Umgebung von der Mutter oder einer anderen wichtigen Bezugsperson getrennt sind. Bleibt die Bindungssuche unabgeschlossen, werden in jungen Kindern psychologische Verteidigungsstrategien aktiviert, zum Beispiel die Verdrängung der Erinnerung an das traumatische Erleben. Derartige Kindheitserfahrungen können einen negativen Einfluss auf ansonsten sicher gebundene Babys und Kleininder haben, so dass ein solches Bindungstraume einige Kinder in ihrer emotionalen Widerstandskraft überwältigen kann. Wir sehen in dem Konzept der Sendung ‚Erwachsen auf Probe’ eine Missachtung dieser bekannten bindungstheoretischen Grundsätze, deren Folgen für das einzelne Kind nicht abzuschätzen sind.“

 

Weitere Informationen zum Thema Stillen finden Sie im Internet unter:

www.bdl-stillen.de

www.stillen.org

www.stillen.de

www.lalecheliga.de

www.afs-stillen.de

www.velb.org

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