Mauri Fries: Das Gespür der Eltern für ihr Baby

Ein Gespräch mit Dr. Mauri Fries über intuitives elterliches Verhalten und seine positiven Auswirkungen auf das Baby

NeugeborenmitPapa

„Eine freundliche und offene Haltung der Eltern ihrem Baby gegenüber sorgt für eine Atmosphäre, in der das Kleine seinen ganzen Charme und seine Fähigkeiten entfalten kann“, sagt die Entwicklungspsychologin Dr. Mauri Fries.

Dr. Mauri Fries (Jahrgang 1961) ist Entwicklungspsychologin, systemische Familientherapeutin und Supervisorin. Sie war wissenschaftliche Mitarbeiterin an den Universitäten in Leipzig, Rostock und Ulm. Schwerpunkte ihrer Arbeit sind Fort- und Weiterbildung, systemische Supervision und Beratung bei Alltagssorgen mit Babys und Kleinkindern

Wie entwickelt sich die Kommunikation zwischen den Eltern und ihrem Neugeborenen?

Ein Baby verfügt schon bei der Geburt über gewisse Wahrnehmungsfähigkeiten. Es hat eine angeborene Bereitschaft, Kontakt aufzunehmen und in Beziehung zu treten. Diese Fähigkeiten und sich wiederholende Erfahrungen versetzen es in die Lage, Zusammenhänge zwischen seinem und dem Verhalten der Eltern zu erkennen. Durch häufige und regelmäßige „Zwiegespräche“ beim Füttern, Wickeln, Baden, Spielen oder Beruhigen stellt sich das Baby auf die erwarteten Zusammenhänge ein. Es weiß also bald, wie das Gesicht von Mama oder Papa aussieht, wenn es deren Stimme in einer ganz bestimmten Tonhöhe wahrnimmt. Spätestens mit drei Monaten reagiert es mit Verwirrung und Unruhe, wenn diese Vorerwartungen nicht erfüllt werden.

Wie reagiert ein Baby, dessen Erwartungen nicht erfüllt werden?

Es würde sich zunächst wundern, wenn die Mutter es eines Tages nicht in der gewohnten Weise begrüßt. Und es würde  seinen Charme und sein ganzes Repertoire mimischer Ausdrucksmöglichkeiten einsetzen, um die Mama zu einer ihrer gewohnten Reaktionen zu „überreden“. Hätte das Baby damit keinen Erfolg, wäre es irritiert und würde zunehmend unruhiger. Dazu gehören etwa Rudern mit den Armen, Strampeln mit den Beinen, Verziehen des Gesichts. Bliebe eine positive Reaktion der Mutter aus, würde das Baby zu weinen und zu schreien beginnen. Diese Reaktion ist der intensivste Hilferuf, der einem Baby zur Verfügung steht. Manches Quengeln und Schreien kann Folge eines veränderten, abwesenden oder unaufmerksamen Verhaltens von Mutter oder Vater sein.

Sollten Eltern denn immer sofort auf jede Äußerung ihres Kindes reagieren?

Zunächst einmal zur Entlastung zuweilen erschöpfter oder verunsicherter Eltern: Perfekte Eltern sind von Natur aus gar nicht vorgesehen. Babys sind mit einer gewissen Anpassungsfähigkeit und Krisenfestigkeit ausgestattet. Fehler sind also erlaubt. Wichtig ist, dass man sie bemerkt und korrigiert. In den ersten Wochen wäre es jedoch  gut, gleich auf das Baby zu reagieren, denn es kann noch nicht lange warten. Macht es die wiederholte Erfahrung, dass ja jemand war, der sein Unbehagen wahrgenommen und ihm geholfen hat, sich wieder besser zu fühlen, dann entwickelt es Vertrauen in seine Fähigkeiten und in die Reaktionen seiner Umgebung und wird allmählich in die Lage versetzt, auch ein wenig warten zu können. Und es muss nicht immer die Mutter sein, die reagiert. Und Mütter und Väter müssen nicht immer in gleicher Art und Weise auf die Äußerungen ihres Kindes reagieren. Das ist auch nicht nötig. Die natürlichen Unterschiede im Verhalten der Eltern können Babys durchaus verkraften. Extreme Wechsel in der Zuwendung können jedoch verhindern, dass sie zwischen ihren Reaktionen und denen der Eltern Zusammenhänge erkennen können. Das Erkennen von Zusammenhängen gehört jedoch mit zu ihren frühen Bedürfnissen. Diese ersten Lernerfahrungen vermitteln Babys Sicherheit. Was man schon ein bisschen kennt, gibt einem ein sichereres Gefühl, als wenn alles unbekannt ist oder man nicht weiß, worauf man sich einstellen muss. Das geht Babys genauso wie größeren Kindern oder Erwachsenen. Wichtig ist eine überwiegend aufmerksame, emotional zugewandte Haltung zum Baby.

Wie lernen Babys denn, ihr Verhalten so zu steuern, dass sie zufrieden sein können?

In den ersten Wochen lernt das Baby selber zu bestimmen, wann es wach und zufrieden ist und wann es dösen oder schlafen möchte. Es lernt auch, wie es mit Quengeln und intensivem Schreien auf eine unbehagliche Lage aufmerksam macht, die es nicht selbst beseitigen kann. Diese Fähigkeit, unterschiedliches Verhalten auswählen oder regulieren zu können, ermöglicht dem Kind, sich an seine Umgebung anzupassen. Dabei helfen ihm seine angeborenen Fähigkeiten und die Geborgenheit und Zuversicht seiner Eltern. Ist seine Umgebung zu aufregend, dann kann es abschalten und sich zurückziehen. Natürlich kann das Baby nur von seinem eigenen Rückzug profitieren, wenn Mutter oder Vater seine Überforderung bemerken und entsprechend für Ruhe und Entlastung sorgen können.

Wie reagieren Babys, wenn sie sich überfordert fühlen?

Wenn das Zwiegespräch oder das gemeinsame Spiel für das Baby zu lange dauern oder wenn die Eltern dabei zu temperamentvoll sind, kann es passieren, dass das Kind in den nächsten Verhaltenszustand wechselt. Es ist noch aufmerksam gegenüber seiner Umgebung, aber es beginnt zu quengeln und zeigt so seine Überlastung. Werden die Angebote nicht reduziert, verstärkt das Baby sein Quengeln oder beginnt zu weinen. Weil sein erstes Quengeln von den Eltern nicht als Hilferuf wahrgenommen wurde, muss das Kind mehr tun, um auf seine Lage aufmerksam zu machen. Meistens ist das Quengeln ein Übergangszustand vor dem Weinen. Noch ist das Kind erreichbar. Je länger dieser Verhaltenszustand allerdings dauert, desto weniger ist es ansprechbar. Die zunehmende Unruhe wird sichtbar in ruckartigen Bewegungen, die das Baby zusätzlich erschrecken können.

Können Eltern denn generell durch besondere Aufmerksamkeit vermeiden, dass ihr Baby schreit?

Nein, alle Babys schreien. Denn  dies gehört zu ihren normalen Verhaltensweisen. Babys schreien, weil sie hungrig sind, sich unwohl oder einsam fühlen, Schmerzen oder Langeweile haben. Die häufigste Ursache - insbesondere für das extrem viele Schreien - ist ein Zuviel an Eindrücken. Mit ihrem Schreien machen die Babys lautstark auf ihre Überforderung aufmerksam. Unbehagliche, langweilige oder überfordernde Situationen können sie in den ersten Lebensmonaten nicht selbst beenden, und sie können auch noch nicht lange warten. Sie benötigen also Hilfe von ihrer Umgebung.

Wie können Eltern ihrem Baby helfen?

Eltern stellen sich intuitiv auf die Bedürfnisse ihres Babys ein. Wenn sie sich mit ihm beschäftigen, verändern sie ihre Stimme, ihre Mimik und die Art, wie sie sich bewegen. Mit ihren Verhaltensweisen helfen sie dem Baby in bewundernswerter Weise, seine eigenen Fähigkeiten zu nutzen und weiter zu entwickeln. Diese intuitive Anpassung an ein Baby scheint eine allgemeine Eigenschaft zu sein, die allen Menschen gegeben ist – unabhängig davon, ob sie Erfahrungen mit einem Baby haben und in welcher Kultur sie aufgewachsen sind.

Wie würden sie das intuitive Verhalten von Eltern beschreiben?

Eltern auf der ganzen Welt verhalten sich ihrem Baby gegenüber gleich. Alles, was sie tun, wirkt übertrieben. Sie wiederholen oft, was sie sagen oder machen. Dabei sind Mimik, Sprache und Gestik langsamer, als wenn sie mit einem älteren Kind oder einem Erwachsenen reden würden. Sie nehmen intuitiv Rücksicht auf die langsamere Verarbeitung der Eindrücke durch das Baby und seine vergleichsweise schnelle Ermüdbarkeit, obwohl ihnen das keiner gesagt hat. Reagieren Mutter oder Vater auf ein Zeichen ihres wachen Kindes, dann machen sie große Augen und unterstützen die Vorliebe des Babys für die Augenpartie, indem sie die Augenbrauen hochziehen. Über diese „Grußreaktion“ brauchen die Eltern nicht nachzudenken. Sie tritt immer wieder und wie automatisch auf, so dass das Baby sich darauf einstellen kann. Forschungen haben gezeigt: Diese schnellen Reaktionen der Eltern sind eine Voraussetzung dafür, dass das Kind Zusammenhänge zwischen seinen Reaktionen und denen seines Gegenübers erkennen kann. Nicht nur das Anschauen, sondern auch das Anlächeln gehört zu den intuitiven Verhaltensweisen aller Eltern.

Wie sollten Eltern mit ihren Babys sprechen?

Kurz gesagt – mit der Muttersprache oder der Sprache des Herzens. Auch hier verhalten sich Eltern intuitiv, indem sie in der so genannten Babysprache mit ihrem Kind reden. Babys bevorzugen in den ersten Wochen und Monaten die höheren Stimmlagen. Eltern oder andere Erwachsene stellen sich unbewusst darauf ein. Sie reden mit ihrem Kind langsam, wiederholen kürzere Sätze mit kleinen Variationen oder begleiten sie mit einer übertrieben wirkenden Mimik. Diese zeigt überdeutlich Gefühle des Erstaunens, der Überraschung und der Freude. Die mimischen und stimmlichen Reaktionen spiegeln zugleich die Reaktionen des Kindes. Durch das gegenseitige Nachahmen und Anregen von mimischen und stimmlichen Reaktionen erfährt das Kind etwas von den Gefühlen seines Gegenübers und von seiner eigenen Wirkung auf den Gesprächs- und Spielpartner. Noch versteht das Baby nicht den Inhalt der Worte, wenn die Mutter zum Beispiel sein Räkeln und Strecken nach dem Aufwachen mit freundlichen Worten kommentiert: „Na, hallo, hast du fein geschlafen? Ja, strecke und recke dich nur, du bist ja schon so groß!“ Am Tonfall und an der Mimik der Mutter wird es erkennen können, dass sie sich über sein Verhalten freut und dass es in Ordnung ist. In diesen täglichen gemeinsamen Momenten findet das Baby heraus, wie die Eltern mit ihrer Stimme und ihrer Mimik Gefühle ausdrücken.

HappyBaby Paul LosevskyIst diese Babysprache wichtig für die Entwicklung des Kindes?

Ja, Babysprache ist sinnvoll und wichtig für das Baby. Sie kommt in allen Kulturen vor – so wie auch  Wiegenlieder, die überall ein gleiches Grundmuster, eben eine wiegende Melodie und eine einfache Sprache in einer höheren Tonlage, haben. Die Babysprache hilft dem Kind, die stimmlichen Anregungen wahrzunehmen und darauf mit seinen Möglichkeiten zu reagieren. Das Baby schaut Mama oder Papa an, wenn es angesprochen wird. Es steigert seine Aufmerksamkeit, wenn sie langsam reden oder vielleicht leiser werden. Die Pausen des Gesprächspartners nutzt das Baby zum Antworten. Es gibt einen kurzen Ton von sich, den Mama oder Papa nachahmen. Das Spiel wiederholt sich so lange, bis das Baby zu erkennen gibt, dass es genug hat. Zur Babysprache gehört also auch, dass die Eltern die Laute des Babys nachahmen und ihm dann Zeit lassen, mit seinen Möglichkeiten zu antworten. Es brabbelt in seiner Sprache und probiert seine Stimme dabei aus.

Haben Eltern denn auch intuitive Fähigkeiten, ihr Baby zu beruhigen?

Ja. Wenn das Baby seinen Blick abwendet, unruhig wird oder sich steif macht, verändern Eltern intuitiv ihre Stimmlage. Ihre nun tiefere Stimme und abwärts streichelnde Handbewegungen  helfen dem Kind, sein inneres Gleichgewicht zu finden. Das Baby kann auch unterstützt werden, indem man ihm den Daumen oder die ganze Hand behutsam zum Mund führt, eine Hand auf den Bauch legt oder die Händchen über der Mitte zusammenführt. Bei kleinen Babys hilft das feste Einbinden in ein Tuch (Pucken) oder Hochnehmen und sanftes Schaukeln. Eltern können sich bei der Suche nach Orientierung getrost auf ihre Gefühle verlassen. Ihre innere Stimme wird häufig ein besserer Kompass sein als äußere Prinzipien, die andere festgelegt haben. Das Verhalten des Kindes wird ihnen zeigen, ob sie auf dem richtigen Weg sind.

Sind die intuitiven Fähigkeiten immer vorhanden?

Im Prinzip ja. Aber wenn man sehr erschöpft ist oder viele Sorgen hat, dann können sie manchmal blockiert sein. Dann wäre es gut, auch an die eigene Erholung zu denken. Auch andere mit einzubeziehen kann helfen. In einigen Fällen, in denen man vielleicht sehr wütend oder enttäuscht gegenüber seinem Baby ist, wäre es wichtig, fachliche Hilfe zu suchen. Denn wie sagt das afrikanische Sprichwort: „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen.“

Frau Dr. Fries, wir bedanken uns für dieses Gespräch!

Das Interview führte Jette Lindholm für unsere Redaktion.

Mehr Infos über Dr. Mauri Fries finden Sie im Internet unter: www.mauri-fries.de

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Mauri Fries:

Unser Baby schreit Tag und Nacht. Hilfen für erschöpfte Eltern

Manche Babys schreien sehr häufig und scheinbar ohne Grund. Für die Eltern ist dieses ständige Schreien oft eine große Belastung. Sie fühlen sich unsicher, erschöpft, machtlos und allein gelassen. Mauri Fries zeigt, wie Eltern sich und ihrem Baby helfen können. Sie gibt Antworten auf Fragen wie: Welche Fähigkeiten hat ein Baby bereits von Geburt an? Wie reagiert es auf verschiedene Reize? Wie steuert das Baby sein Verhalten? Wie können Eltern sich selbst helfen? Wo finden Mütter und Väter professionelle Hilfe? Was geschieht in einer Beratung?

125 Seiten, 9,90 Euro, Ernst Reinhardt Verlag, München

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