Ingrid Löbner: Erziehung mit Mut und Muße - Was Babys und Kleinkinder wirklich brauchen

Ingrid Löbner ist Psychoanalytische Beraterin, Körpertherapeutin und Traumatherapeutin. Sie arbeitet an der Familienberatungsstelle Pro Familia in Tübingen und lehrt seit 1991 an der Staatlichen Hebammenschule der Universität.
ingrid-loebnerSie arbeitet seit über 20 Jahren in der Schreiberatung und berät jährlich etwa 300 besorgte Eltern. Bis heute hat sie etwa 2000 Eltern mit schreienden Babys, schwierigen Kleinkindern und unselbständigen Kindern von vier bis sechs Jahren, die ihre Familien überfordern, beraten. www.gelassene-eltern.de

Nun hat sie innerhalb eines Jahres ein zweites Buch geschrieben, “Erziehen mit Mut und Muße - was Babys und Kleinkinder wirklich brauchen”, in dem sie viele Fragen, die ihr in der Praxis von Klientinnen und Klienten gestellt wurden, noch einmal für alle Eltern herzerfrischend klar und deutlich beantwortet. Ein empfehlenswerter Fundus an wertvollen Hinweisen. Wir haben Frau Löbner am Rande einer Tagung getroffen und wollten von ihr wissen, was heutige Eltern von früheren Generationen unterscheidet und was Eltern und deren Kinder “zum Schreien” bringt.

 


Frau Löbner, wozu braucht man eigentlich eine Schreiberatung? Haben Kinder früher nicht geschrien, da kam man doch auch ohne aus. Schreien Babys heute mehr, sind sie und ihre Eltern anders?

Zunächst zur Frage, ob das Schreien von Babys mehr geworden ist: Wenn man der Generation unserer Mütter glaubt, dann hat es in den 1950er, 1960er Jahren zwar auch Babys gegeben, die exzessiv schrien, aber nicht jedes 5. Kind scheint betroffen gewesen zu sein, so wie es heute der Fall ist. Wir haben keine Zahlen aus der Zeit, aber dem Erzählen nach waren es deutlich weniger exzessiv schreiende Babys. Zur wahrscheinlich höheren Zahl schreiender Babys kommt hinzu, dass man heute mehr dazu weiß, dass Kinder nicht grundlos schreien; es außerdem für die Eltern-Kind-Beziehung gefährlich wird, wenn ein Kind über längere Zeit exzessiv schreit. Man weiß heute, dass Hilfe möglich ist und man den Betroffenen aus starken Teufels-kreisen heraushelfen kann, dadurch alles ruhiger und die Freude aneinander gestärkt wird.
Wenn ich zuhöre und wahrnehme, was ich täglich in der Arbeit mit Familien erlebe, dann sind die Gründe für das Schreien nie eindimensional, und doch kann man etwas deutlich bemerken, was unser Leben jetzt vom Leben früherer Generationen unterscheidet: Wir leben unruhiger – Stress tut Babys nicht gut.

Worin besteht dieser Stress?

Wir leben heute ein sehr hohes Tempo mit Multi-Anforderungen, was mehr Stresserleben bedeutet, wofür manche Menschen mehr als andere anfällig sind, infolge dessen mit Unruhe reagieren. Hinzu kommt, dass das Mehr an medizinischer Untersuchung, Überwachung und auch an Eingriffen während Schwangerschaft und Geburt wiederum aus Sicht des Kindes Stress bedeuten kann. Ich habe eine traumatherapeutische Ausbildung. Obwohl alle medizinischen Eingriffe aus unserer Sicht dem Wohl der körperlichen Gesundheit von Mutter und Kind dienen, wird manches vom Kind nervlich belastend erlebt. Ich sehe Kinder, die als sehr junge Babys deutlich Spuren von Stress und Trauma zeigen.

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Wie können wir uns solchen höheren Belastungen stellen?

Das Volks-Wissen gilt weiterhin: Mutter und Kind sollten während Schwangerschaft und Geburt wenig Unruhe, Stress und damit einhergehende Ängste durchleben. Belastend sind gerade auch die heute viel stärker verbreiteten Ängste um die Gesundheit des Kindes, ob alles gut geht, man überhaupt guter Hoffnung sein kann. Dazu der Aspekt, ob die Geburt ruhig und ohne Eingriffe ablaufen darf. Der weibliche Körper weiß, wie Gebären funktioniert – das ist heute nicht mehr selbstverständlich.

 

Was brauchen Frauen, die schwanger sind, am meisten?

Mehr Zuversicht, weniger Verunsicherung, besonnene Begleitung durch Hebammen und Ärzte, die die körperliche und psychische Gesundheit der Frau bestärken. Schwangerschaft und Geburt sind heute wie früher meistens gesunde Prozesse. Dies würde weniger Stress und mehr Ruhe für Mutter und Kind bedeuten.
Generell wäre ratsam, dass wir einsehen, dass kleine Kinder (und ihre versorgenden Eltern) nicht mit unserem modernen, hohen Tempo und den heute üblichen viel-fältigen Anforderungen funktionieren können.


Wie könnte mehr Ruhe für Babys und Kleinkinder aussehen?

Eltern arbeiten beide früh wieder und, kaum geboren, werden Kinder heute in Kurse angemeldet. Eltern meinen, sie müssten ihre Kleinen fördern, damit aus ihnen etwas wird – ein starker Irrtum unserer Zeit, der schon ab den ersten Lebensmonaten eines Babys auch Stress verursacht. Die meisten Babys und Kleinkinder haben heute mehrere Termine pro Woche, müssen dauernd irgendwo hin, aus Angst, dass sie sonst nicht früh genug schwimmen, singen oder sprechen. Förderkurse aller Art von Baby- und Kleinkindzeit an sind aber in aller Regel völlig überflüssig.


Sie sind gegen Förderung von Kindern? Was haben Sie dagegen, dass man Kinder für die Zukunft fit macht?

Menschen werden anders fit und lernen anders als man derzeit meint. Im Gehirn werden die meisten Nervenbahnen und Verbindungen geknüpft (und damit hohe Plastizität und Lernbereitschaft geschaffen), wenn ein Kind in beständigen Beziehungen leben kann, sich stark geliebt fühlt und voller Begeisterung Neues entdecken darf – so lernen wir. Jeder kennt das, dass man bei den Lehrern am meisten gelernt hat, die man gerne hatte und die in uns Begeisterung auslösten.

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Also ist Beziehung die eigentliche Antwort auf viele Probleme?

Ja, denn so geht das von klein an, zunächst spielt sich am allermeisten mit den engsten Bezugspersonen, den Eltern ab. Eltern lieben ihre Kinder und lassen sie in einer normal anregenden Umgebung Entdeckungen machen. Jeder kennt die Begeisterung der Eltern, wenn ihr kleines Kind etwas Neues kann, erste Silben babbelt, sich hinstellt, mit den Fingern erste Sachen auf- und zu macht etc. So „feuern“ die neuronalen Botenstoffe im kindlichen Gehirn, und damit werden Kinder durch alltägliche Erfahrungen schlau. Um das erleben zu können, brauchen Kinder die Liebe und Beständigkeit ihrer Bezugspersonen und genug Zeit für Ent-deckungen, sehr bald Zeit auch für ausgiebiges Spiel.


Wieso ist Spielen so wichtig?

Spielend entdeckt ein Kind Neues in der Welt – und durch Spielen in vertrauter Umgebung ist die Begeisterung hoch und die Lernbereitschaft des Gehirns groß. Dauerndes Wohin-Müssen, bzw. zu schnelle Anforderungen auf vielen Ebenen (unser modernes Multi-Tasking) behindern Lernprozesse, machen Chaos im Gehirn und uns alle eher dumm. Daher brauchen Kinder für ihre gute Entwicklung alltäglich ausreichend Ruhe, Gleichmaß und Zeit für ihr ausgedehntes Spiel. Sie können das bei Hirnforschern wie G.Hüther, M. Spitzer oder J. Bauer und anderen nachlesen.
Wir sollten nicht vergessen: Das individuelle Tempo von Menschen hat bei allen Entwicklungsschritten eine enorme Bandbreite.


Was ist mit der Angst mancher Eltern, ihr Kind käme nicht hinterher?

Manche Kinder sind sehr schnell, andere langsam. So lange man mit Kindern die „U-Untersuchungen“ macht und Kinderärzte nichts auffällig finden, kann man getrost mit seinem Kind den normalen Alltag mit Arbeit im Haus und beiläufigem Spiel in Langsamkeit genießen.
Auf diese Weise können wir ein Weiteres, Wichtiges bedenken: Mit Kindern mehr Muße zulassen, sie viel weniger durch ständiges erwachsenes Reden aus ihrer noch verträumt-verspielten Art, in der Welt zu sein, herausreißen. Kleine Kinder sind vertrödelt und verträumt. Wir reden aber viel auf sie ein und erwarten, vernünftiges Verhalten durch unser Reden zu erreichen. Kleine Kinder sind viel besser durch gute, kindlich verspielte Ideen zu etwas zu bewegen.
Ein gutes Credo wäre generell: Lasst die kleinen Kinder mehr in Ruhe.


fruehlingsblumen-kind-391610 640xlMan hört doch immer, dass man mit Kindern viel reden soll? Sie sagen nun “Lasst die Kinder in Ruh’!“  Warum das denn?

Die heute weit verbreitete Vorstellung, dass wir Kinder durch viel vernünftiges Reden schnell zu vernünftigen Einsichten bekommen, ist ebenfalls ein Irrtum. In bestimmten Situationen einen guten, erklärenden Satz zu einer schwierigen Situation zu sagen, das ist auch für kleine Kinder gut, denn sie verstehen wichtige emotionale Dinge schon früh. Aber wir richten in der Erziehung heute ständig vernünftige Appelle an kleine Kinder, die ihr Nachdenken und ihr Einsehen in unseren vorgegebenen, erwachsenen Bahnen bewirken soll – aber genau so denken jüngere Kinder nicht.


Wie denken jüngere Kinder denn dann?

Jüngere Kinder sind stark im Gefühl, erfühlen die Welt mehr. Das wissen wir alle intuitiv, wie sie impulsiv sind, schneller weinen, wie wir im Beisein kleiner Kinder auch mit Dingen sprechen als wären sie lebendig. Wir sagen: „Du dummer Tisch, was tust Du dem Moritz so weh“, wenn Moritz mit seinen zwei oder drei Jahren sich gerade am Tisch gestoßen hat. Wir wissen also intuitiv um das kindliche So-Sein, dass noch alles lebt, weil es vom Kind belebt wird. Und je mehr wir das zulassen, umso leichter finden wir mit kleineren Kindern Lösungen für schwierige Situationen. Je mehr wir Situationen aus dem Gefühl fürs Lebendige lösen, umso besser.


Können Sie uns ein paar alltägliche Beispiele für kindgerechte Gesprächskultur aufzeigen?
 
Statt zu sagen: „Geh bitte endlich in Dein Zimmer und spiel mal was, anstatt mich, Deine Mama, hier zu nerven!“ reagiert ein Kind kooperativ, wenn Sie sagen: „Oh, ich sehe gerade, Deine Tiere haben heute noch kein Futter bekommen! Hier hast Du in dem kleinen Schälchen etwas für sie – bringst Du ihnen das und fütterst sie jetzt?“ Oder: „Oh, auf der Baustelle fehlen ja Steine, willst Du mal die hier (die Bauklötze) mit Deinem Laster hinfahren und beim Bauen dort helfen?“ Und am Abend, statt den ständigen Appell immer genervter und lauter zu äußern: „Du sollst jetzt aufräumen, hast Du nicht gehört?“ wird es leichter, wenn wir einem jüngeren Kind sagen: „Komm, wir bringen die Tiere in den Stall, die Puppen ins Bett, den Laster in seine Garage (unters Bett) – dann schlafen sie alle und ruhen sich gut aus bis morgen früh.“  Das versteht ein Kind, weil es alles als belebt empfindet. Wenn wir dann auch noch zügig tun, was wir meinen, also anstatt auf ein Kind einzureden, das Vorgeschlagene mit ihm gemeinsam umsetzen und zu Ende bringen, dann werden schwere Situationen leichter. So macht ein kleines Kind mit, weil wir seine verträumte Art respektieren und einbeziehen.

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Warum hilft das Kindern und Eltern?

So darf ein Kind altersentsprechend klein sein und das vermeidet Stress, weil ein Kind sich mit unseren Appellen nicht überfordert fühlt. Viele Situationen werden leichter, wenn wir frühe Überforderung durch unser ständig appellierendes Reden vermeiden. Plötzlich werden Kompromisse lebbar. Kinder sind hoch kooperativ, denn auch sie wollen, dass die gemeinsame Zeit, dass unsere Beziehung zueinander gut verläuft und gut bleibt.


Wir hören immer wieder, Kinder leiden unter Bewegungsmangel und sollten sich viel bewegen. Warum sind Sie nun gegen Bewegungskurse?

Weil Lernen übers Spiel passiert, weil, wie eben beschrieben, beim Spiel das Gehirn feinste, plastische Strukturen bildet, gewissermaßen weniger eindimensionale Bahnen macht. So bleiben Kinder vielfältig in ihren Möglichkeiten und werden nicht früh auf spezifische Tätigkeiten festgelegt. Kinder in ihrer Bewegungsfreude und der Freude, unter Kindern zu sein, erledigen im Spiel mit größter Begeisterung alles, was ihnen an Bewegung guttut. Das erspart den Erwachsenen, sie zu Kursen zu fahren und erhält Kindern auch körperlich höchste Elastizität. Lediglich wäre zu beachten, dass wir Kindern eine Umgebung erhalten, die nicht trostlos ist, sondern einlädt zu freiem Spiel untereinander, vor allem draußen. Auch städtische Wohnviertel kann man so gestalten, dass Kinder zwischen den Häusern vielfältig ihre Spiele spielen können.


Man sieht allerorten Tobe-Räume und Hüpfburgen, was halten Sie davon als Bewegungsanregung?

Ausdrücklich nicht gemeint sind dabei so etwas wie reine Hüpfburgen, oder Tobe-Räume. Kinder sind in ihrer Phantasie so reich und bei etwas modellierter Umgebung sofort hingebungsvoll im Spiel, manchmal reichen nur ein paar Büsche und ein Stück hügeliger Rasen. Reines, fast chaotisches Toben bringt nichts, sondern die Freude an Bewegung verbunden mit Spiel und Spielregeln, wie wir es z.B. von den Klassikern wie „Fangen“, „Verstecken“, „Völkerball“, „Räuber und Gendarm“ kennen; alles Spiele, die heute gleichermaßen von Kindern geliebt werden – wenn wir sie denn hinaus und zu Kindern lassen. Wenn wir ihnen dafür Zeit geben und dazu eine trostlose Umgebung mit wenigen, einladenden Impulsen abändern und anregender umgestalten.

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Warum empfehlen Sie Eltern Astrid Lindgrens Kinderbücher als Lektüre? Sind diese Bücher nicht hoffnungslos romantisch und spiegeln so gar nicht unsere heutige Lebenswelt?

Der Vorwurf, Lindgren schreibe romantisch, zeigt lediglich, dass Leute Lindgren nicht wirklich kennen. Wenn Sie ein Buch wie „Rasmus und der Landstreicher“ lesen, spüren Sie da genauestens, was in einem Kind vorgeht, das nicht geliebt wird und kein gutes Zuhause hat. Oder „Mio mein Mio“ oder eine Geschichte wie „Ein Kalb fällt vom Himmel“ oder „Die Brüder Löwenherz“. Lindgren schrieb vielfach von Sorgen und Nöten eines Kindes. Was sie als Meisterin des „Kinder-verstehens“ konnte ist, sich in die Gefühle jedes Alters wieder zurück zu versetzen und kindliche Gefühle ganz echt zu beschreiben, gerade so, wie wir auch Kinder heute erleben, wie sich die Tage und Nächte für ein Kind je nach Alter anfühlen, wie man als Kind denkt und wonach man sich sehnt. Lindgren zu lesen hilft uns Erwachsenen, einstige Gefühle und Logik zu erinnern – klarer zu spüren, was ein Kind braucht und was nicht.


Welche Geschichte meinen Sie beispielsweise?

Lesen Sie nur die Lindgren-Geschichte „Die Prinzessin, die nicht spielen wollte“, sofort wird deutlich, was ich hier meine. Und wenn Sie den Klassiker „Wir Kinder aus Bullerbü“ lesen, verstehen Sie alles bisher Gesagte genauer, weil spürbar unter die Haut geht, wie Kinder die Welt erleben. Wobei in Bullerbü sehr wohl vorkommt, was Lindgren immer betonte: Von wegen reines Spiel! Sie mussten als Kinder vielfältig helfen, Arbeit in Haus und Hof war angesagt. Aber das Leben durfte sich, bei aller Mithilfe, viel unter Kindern abspielen, und die Erwachsenen hatten bei allen Anforderungen Sinn für Spiel und Spinnereien der Kinder und für ihre Sehnsüchte. Lisa bekam nicht nur ein niedliches Lämmchen, sondern sie war ohne Wenn und Aber von da ab immer zuständig für dessen Versorgung. Aber Lindgren erzählt das aus der Begeisterung des Kindes heraus, die darf sich ausbreiten, sie wird weder verkitscht noch problematisiert, und nicht durch erwachsene Kommentare und pädagogische Botschaften versäuert.


Sie sagen, Eltern kommen oft mit haarsträubenden Ansprüchen an sich und an die Kinder zu Ihnen in die Beratung. Inwiefern verlangen Eltern heute mehr von sich und den Kindern?

Angetrieben durch die überall forcierte frühe Förderung und das Mantram, dass Selbstverwirklichung bedeute, früh wieder arbeiten zu gehen, meinen Eltern, ab dem Lebensalter von 13, 14 Monaten sich von ihrem Kind trennen zu müssen, es an fremde Leute zu gewöhnen, damit es bei denen besser lernt, während sie selbst nur etwas Wertvolles sind und werden, wenn sie in einem Beruf außer Haus tätig sind.
Das Kind soll mit 1 Jahr selbständiger sein, viele Stunden am Tag seine vertrauten Bezugspersonen über längere Zeit problemlos missen. Etwas flapsig ausgedrückt: Ein gutes Kind ist heute nicht mehr ein Kind, das früh sauber ist, sondern ein Kind, das sich morgens ohne Weinen abgeben lässt und dann, am besten zweisprachig, in der KiTa mit den Erzieher/innen (auch wechselnden) fleißig das macht, was die Bewertungsbögen vorgeben, es sich außerdem bei diversen Förder-Angeboten bereitwillig beteiligt. Brave Eltern sind die, die das kleine Kind aufmuntern, trotz anderer Sehnsüchte dort zu bleiben, und die in Elterngesprächen gerne entgegennehmen, wo das Kind noch schwächelt und Mängel hat, also mehr Förderung und Beistand durch Fachleute braucht.

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Woher kommen diese lebensfernen Ideen?

In Broschüren zur Familienpolitik finden Sie nirgends einen Satz, dass kleine Kinder an ihren Eltern hängen, dass nicht jedes Kind sich gleichermaßen früh von seinen engsten Bezugspersonen trennen kann. Es wird heute fast überall nur noch von Betreuung und Bildung gesprochen. Die Tatsache, dass Kinder ihre Eltern exklusiv lieben, auf deren Liebe und anfeuernde Begeisterung am Tag regelrecht und reichlich angewiesen sind, Kinder also starke Gefühle und damit verbunden Sehnsucht haben – das finden Sie kaum benannt; außer in therapeutischer Fachliteratur oder bei den erwähnten Fachleuten, die die Ergebnisse der Hirnforschung beschreiben, wird über diese Bedürfnisse kleiner (und nicht nur kleiner) Kinder kaum gesprochen.


Was steckt Ihrer Meinung nach dahinter?

Das weckte in mir schon lange den Verdacht, dass es in der Politik derzeit darum geht, angesichts des Fachkräftemangels gut ausgebildete Eltern schnell an den Arbeitsplatz zurück zu bekommen; solchen Eltern wird etwas finanzieller Anreiz geboten. Allen anderen wird durch Streichung staatlicher Unterstützung (bei Armut und entsprechendem Bedarf an finanzieller, öffentlicher Hilfe wird das Kindergeld angerechnet, nicht zusätzlich gewährt) das Kinder-Versorgen unattraktiv gemacht, sie werden außerdem beschämt mit dem pauschalen Vorwurf, sie würden ihre Kinder sowieso eher verwahrlosen lassen denn bilden; etwas, was so pauschal nachweislich nicht stimmt. Arme Eltern geben prozentual denselben Anteil ihres Geldes für Bildung der Kinder aus wie gut Situierte– aber sie haben deutlich weniger Geld.
Es gibt inzwischen Autoren, die den starken, einseitigen Einfluss der Wirtschaft auf die Entscheidungen von Familien- und Bildungspolitik nachweisen. Autoren wie der Kinderarzt H. Renz-Polster, der Richter a.D. J. Borchert oder der Journalist R. Stadler öffnen uns mit ihren sehr gut recherchierten Büchern die Augen für die aktuelle Politik und ihre einseitigen Vorgaben.


Was können Eltern dagegen unternehmen?

Indem Eltern sich mehr informieren, neben guten Büchern finden sie im Netz hilfreiche Informationen.  Zum Beispiel  www.deutscher-familienverband oder www.elternklagen.de . Sie zeigen auf, was Eltern finanziell zustünde, um durch Zeit für die Fürsorge ihrer Kinder nicht arm zu werden. Ein Buch wie das von Prof. Gerald Hüther: „Jedes Kind ist hochbegabt“ ent-stresst zusätzlich, weil Eltern dann wissen, dass jedes Kind klug ist und bleiben kann. Sehr konkrete Vorschläge für anstren-gende Situationen im Alltag mit jüngeren Kindern habe ich in meinen Büchern versucht, Eltern an die Hand zu geben. Dabei war mir wichtig, dass Eltern sich und ihre Kinder nicht überfordern, es allen gut gehen sollte; dass Eltern ernst genommen werden in allen Gefühlen und ihnen treu bleiben. Eltern antworten ganz von sich aus meistens, dass sie mehr Ruhe, mehr Zeit bräuchten. Hierzu bestärkende Informationen aufzuzeigen, ist mir ein Anliegen. Und noch etwas: Tun Sie sich als Eltern zusammen, unterstützen und bestärken Sie sich untereinander und protestieren Sie öffentlich gegen dieses frühe Funktionieren, die frühe Einübung des Lebens wie im Hamsterrad. Geben Sie Widerworte gegen das hohe Tempo und den Stress für die Kinder von Kindesbeinen an. Jedes fünfte Kind ist heute in irgendeiner Therapie, die Medikamentengabe für Kinder steigt – Eltern sollen Mut bekommen, mit differenzierter Information in ihrem Rücken, sich dagegen zu wehren.

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Möchten Sie unseren Leserinnen und Lesern noch etwas Grundsätzliches raten?

Genießen Sie bei aller Arbeit, die man mit ihnen hat, den Charme, den Kinder versprühen. Bleiben Sie dabei und lieben Sie diese kleinen Engel bzw. Bengel einfach; lassen Sie sich anstecken von der Begeisterung und Muße, zu der Kinder uns auffordern. Überlassen Sie sich Ihren guten Erinnerungen, was Sie als Kind liebten und ersehnten. Lesen Sie Wohltuendes, auch für sich selbst als Mutter /Vater: die Bücher Astrid Lindgrens oder Mark Twains oder, oder. Erinnert man sich an das Kind in sich, fallen Entscheidungen anders. Wenn man ein Neugeborenes im Arm hält, fragt man sich ja: „Wo kommst Du kleines Wesen jetzt eigentlich her?“ Ich glaube, kleine Kinder sind schon auch Boten für uns verknöcherte Erwachsenen, die uns animieren, Dinge neu zu sehen und neu zu überdenken, ausgelöst von kind-licher Freude. Genießen Sie es, Ihre gemeinsame Zeit, die Phantasie, dazu alle Veränderungen, die mit Ihnen vor sich gehen.


Frau Löbner, wir danken Ihnen für das Gespräch.

www.gelassene-eltern.de

Das Interview führte Gabriela Jehn für Spiel und Zukunft

 

 

Buchtipps:

Erziehen mit Mut und Muße
Was Babys und Kleinkinder wirklich brauchen

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Es sind die alltäglichen, die kleinen und großen Momente im Leben mit Kindern, die Eltern manchmal verunsichern oder gar an den Rand der Verzweiflung bringen. Was brauchen Kinder wirklich? Wie konsequent soll man schon bei einem Baby sein, wenn das Schlafen oder Trinken zum Problem wird? Kann man Kleinkinder zu sehr verwöhnen? Was tun, wenn ausgerechnet das teure Smartphone zum begehrtesten Spielobjekt wird? Wie viel dürfen Kinder mitreden und wann sollte man auch einmal streng sein?
Diese und viele andere Fragen beantwortet Ingrid Löbner auf ihre unnachahmliche, erfrischend herzliche und souveräne Art. Erziehung braucht Mut und Muße, so ihre Botschaft. Mut zur Intuition, zur Langsamkeit – und auch die Muße zum Gewähren von kindlicher Langeweile oder endlosem Spiel, am besten in der freien Natur.

Verlag Fischer & Gann, Klappenbroschur, 240 Seiten, März 2017

 


Gelassene Eltern - Glückliche Kinder

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Das moderne Leben verlangt jungen Eltern einiges ab - aber auch deren Kindern. Ein weitgehend durchorganisierter Alltag, selbst der Tag der Kleinsten läuft meist nach Terminkalender ab. Und kommt dabei jemand aus dem Tritt, geht es oft schnell an die Substanz ... Was tun, wenn ein Baby nicht mehr schläft, wenn Kleinkinder nicht mehr spielen wollen, wenn Trotz und Chaos regieren und in der Familie jegliche Ruhe abhandengekommen ist? Die Autorin zeigt mit ihrer jahrzehntelangen Erfahrung, wie man das Leben mit Kindern reibungsloser gestalten kann, warum Respekt, Würde und gute Grenzen der Schlüssel zum besseren Familienklima sind. Sie erklärt, wie Eltern feinfühliger auf ihre Babys reagieren können, warum Kleinkinder mehr Freiraum und mehr Muße brauchen. Und sie brauchen mehr Gelassenheit der Eltern - auch das macht Kinder glücklich!

Verlag Fischer & Gann, gebunden, 270 Seiten, März 2016

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